WIR PERFORMEN!

Kommende Auftritte

26.10.2019, Uhrzeit: 20 Uhr, Öffentliches Showing „The Workshop“
Ort: Projektraum Freie Szene Stuttgart,
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15./16.11.2019, je 20:00 Uhr Gastspiel „Chaosgeräusche“
Ort: Ost-Passage Theater Leipzig, Konradstr. 27, 04315 Leipzig
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22./23./24.11.2019, je 20 Uhr Premiere „The Workshop“
Ort: Ballhaus Ost, Pappelalle 15, 10437 Berlin
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Car[e]less Future. Straße der Zukunft …

Am letzten Samstag noch in Berlin bei Staub zu Glitzer und dem alternativen Volksbühnen-Gipfel sind wir diesen Samstag schon in Wien beim CrossCollective und denken gemeinsam draüber nach, wie die seltsame Zeit gewesen sein wird, in der Autos uns den Platz auf den Straßen nahmen und was für seltsame Kunst wir auf diesen Straßen gemacht haben werden, damit die Autos verschwinden würden. Alle Infos findet Ihr hier.

Ein festes Haus der Freien Szene

Vortragsmanuskript

Am 6.7. hielten zwei von uns im Rahmen des alternativen Volx_Bühnen-Gipfels organisiert von dem Kollektiv Staub zu Glitzer folgenden Vortrag, in dem wir einen Vorschlag für ein festes Haus der freien Szene präsentiert haben. Aufgrund von Nachfragen, veröffentlichen wir an dieser Stelle das Manuskrpit, das unserem Vortrag zugrunde lag.

  1. Wir sind keine Genies!

Der folgende Beitrag ist das Ergebnis von dreieinhalb Stunden kollektiver Gedankenarbeit von drei Personen des Performance-Kollektivs Hysterisches Globusgefühl zu der Frage wie ein kollektiv geführtes Theaterhaus aussehen könnte. Während wir am Anfang unserer Zusammenarbeit vor acht Jahren glaubten, die Lösung sei so einfach wie naheliegend, sind wir nun überzeugt: die absolute Lösung ist unwahrscheinlich. Aber umso wichtiger ist es uns, dass mögliche Lösungen gedacht und gesagt werden. Daher melden wir uns heute zu Wort. Das, was wir Euch heute vordenken werden, verstehen wir als das Produkt eines Diskurses, an dem alle hier beteiligt sind. Trotzdem machen wir heute einen Vorschlag wie ein kollektives geführtes Theaterhaus, ein festes Haus der freien Szene aussehen könnte, um zu bekräftigen, dass wir den Status quo des deutschen Theaterbetriebes für unaushaltbar halten. Kommen wir also zur ersten kniffeligen Frage der heutigen Präsentation: Wer ist eigentlich wir?

  1. Wer ist wir? – Kurze Beschreibung zu uns

Seit 2011 arbeiten wir im Kollektiv zusammen. Unter anderem haben wir in dieser Zeit eine Demo fürs Nichts Tun entwickelt oder 2012 mit unserer Produktion Theaterstürmung I: Wir müssen das Theater anzünden! das Ende feudalistischer Stadttheaterstrukturen gefordert. Seither machen wir gemeinsam Theater und versuchen so manche Lebensentscheidung gemeinsam zu treffen. Dabei versuchen wir immer im Konsens zu entscheiden und kommen dabei nicht selten an unsere Grenzen. Immer wieder diskutieren wir in aufreibenden sich unendlich lang anfühlenden nicht endenwollenden Diskussionen unsere künstlerischen Entscheidungen. In manchen Bereichen, wie zum Beispiel der Produktionsleitung, arbeiten bis dato mit Arbeitsteilung. In vielen anderen Bereichen, wie Konzept, Performance, Dramaturgie, Text oder gar Regie nicht. Alle machen quasi alles, wobei das nicht heißen muss, dass auch alle gleich viel machen. Dass wir ausschließlich Dinge auf der Bühne machen, die wir machen wollen und souverän auf der Bühne als Autorinnen unserer selbst auftreten, erleben wir als eindeutigen Vorteil gegenüber dem Regie-Theater. Und wir glauben auch, dass das Publikum merkt, wenn es jeder Einzelnen* auf der Bühne um etwas geht und die Performenden nicht nur die Idee* einer* Einzelnen umsetzen. Gleichzeitig stellt unsere kollektive Art und Weise des Zusammen-Seins, andere Organisationsstrukturen von Gesellschaft auch außerhalb des Theaters in Frage. Das verstehen wir also unter wir, wenn wir heute hier vor Euch sprechen. Wir sind dennoch auch Individuen mit eigenen Positionen. Wir sind quasi nie einer Meinung und deshalb sagen wir heute Abend ab und zu auch ich. Auch, wenn wir, wie wir gleich ausführen werden, individuelle Autor*innenschaft ablehnen.

  1. Kritik Stadttheater

Wir sind also Hysterisches Globusgefühl. Und jedes Mal, wenn wir uns so vorstellen, auf einer Bühne, uns zu unserer kollektiven Autor*innenschaft bekennen, ist dies ein Angriff auf das Märchen vom männlichen Künstlergenie. Mehr als einmal durften wir Zeug_innen werden, wenn mal wieder so ein einsamer Künstler, gern Theaterintendant, breitbeinig auf irgendeinem Podium saß, den vor Genius schweren Kopf in die Hand stütze, um zu verkünden, dass Theater nun mal nicht demokratisch sein könne. Das wusste er, denn Gott selbst, auch so ein einsames Künstlergenie, hatte ihm das eines Nachts direkt offenbart. Und genauso eine geniale Eingebung muss auch der vielfach ausgezeichnete Frank Castorf gehabt haben, als er bemerkte, dass man zum Regie führen einen Penis braucht. Also stellen wir uns vor, wie das männliche Künstlergenie mit Tüte auf dem Kopf, denn der wird ja nicht gebraucht, und offener Hose im Theaterraum sitzt und der kleine Penis rausschaut und Regie führt und Schauspielerinnen anschreit.

Das einsame männliche Künstlergenie ist eine Märchenfigur. Kein künstlerischer Prozess, vor allem nicht im Theater, findet ausschließlich im Kopf eines Mannes statt. Der eine Name ist nur derjenige, welcher einen künstlerischen Gruppenprozess für sich reklamieren darf. Er ist der Profiteur des Ganzen, er profitiert davon, dass Theater undemokratisch bleibt. Wieviel pathologischer Narzissmus ist eigentlich nötig, um ein einsames Künstlergenie zu werden? Und selbst im Bereich der bildenden Kunst offenbart sich immer wieder die Lüge vom Individuum. Der Mann mit dem Goldhelm – gar nicht von Rembrandt! Bestimmt ist das Gemälde im Wert gleich um eine Million gesunken. DaVinci, Michelangelo, Vermeer, sie alle hatten Werkstätten, in denen die Gemälde durch viele Hände gingen. Wir können doch gar nicht wissen, wie viele Pinselstriche die an einem Gemälde wirklich selbst gemacht haben! Aber alle sind besessen von dieser Idee des einsamen, uns allen überlegenen, musengeküssten Genies. Es lässt sich einfach besser verkaufen. Die Ästhetik, die in so einem Fall herauskommt, profitiert von künstlerischen Gruppenprozessen, ist ein Gruppenprozess und versucht gleichzeitig, dieses zu leugnen und zu verschleiern.

  1. Kritik Freie Szene

Aber schauen wir nun auf die “andere Seite”, die sogenannte freie Szene. Kollektives Arbeiten ist hier, wo auch HG sich zu Hause fühlt sehr verbreitet. Das geht soweit, dass sich jeder noch so vage Verbund an Menschen Kollektiv nennt, ohne die Strukturen dahinter und die Auswirkungen ebenjener Strukturen zu benennen. Hauptsache Kollektiv, denn es ist gerade in, könnte man lästern. Vielleicht haben wir auch nie gezögert uns Kollektiv zu nennen, weil man das in der freien Theaterszene eben so macht. Vielleicht sind wir auch ein vager Verbund an Menschen. Diese Vagheit spielt in der freien Theaterszene insofern eine tragende Rolle, als dass die eben beschriebene Abkehr von festen Häusern tragender Bestandteil der eigenen Identität ist. Man arbeitet eben frei und nicht an einem festen Haus mit einem festen Ensemble. Es dürfte kaum überraschend sein, dass diese Freiheit, die von Kollektiven ab den 1990er Jahren erprobt worden ist, als Vorbotin der neoliberalen Wende zu betrachten ist. Jede* ist ihre eigene Chef*in selbst verantwortlich für Kranken- und Rentenversicherung und gearbeitet wird von Projekt zu Projekt. Bis auf wenige Ausnahmen liegt das Gehalt weit unter Mindestlohn, genauer gesagt, wenn es gut läuft bei der Hälfte des Mindestlohns. Dieser unaushaltbare, krankmachende, ökonomische Druck mündet in eine toxische Atmosphäre der Konkurrenz, die an die von “Germanies next Topmodel” oder der von “Wer wird Millionär?” erinnert. Genauer gesagt gleicht der viel zu geringe Geldtopf an Mitteln für die Freie Szene einem Haifischbecken, in das man ein Stück Fleisch geworfen hat. Selbst, wenn es Kollektive schaffen untereinander solidarisch zu sein, spätestens bei der Vergabe der Mittel kann man nicht mehr solidarisch sein, weil das Fehlen der Mittel eine existentielle Bedrohung bedeutet. Dass Frauen* von dieser Prekarität besonders betroffen sind, dürfte leider niemanden so wirklich überraschen. Dass in der freien Szene überwiegend Frauen* arbeiten auch nicht. Dass der gender-paygap über dem bundesdeutschen Mittelwert liegt ist ein Skandal. Und dieser paygap nach Zahlen der KSK, wird mit zunehmendem Alter größer. Das bedeutet in der Praxis, dass mit zunehmendem Alter die Aufträge für darstellende Künstlerinnen* ausbleiben oder diese den Betrieb resigniert verlassen müssen. Und trotzdem ist das kollektive gleichberechtigte Arbeiten nirgendwo so anerkannt wie in der Freien Szene. Kurz zusammengefasst brauchen die Personen, die in der freien Szene arbeiten, insgesamt aber mehr Sicherheit, die festen Theaterhäuser aber brauchen eine neue Organisationsstruktur. Zeit, beide Bereiche zusammenzudenken. Zeit, an ein festes Haus der freien Szene zu denken.

  1. Das Beispiel Volx_Bühne

An der Volx_Bühne soll also nun ein böser, weil neoliberalen König (Dercon) durch einen lieben weil sozialistisch angehauchten König (Pollesch) ersetzt werden. Wir vertun die Chance, eine neue Form von festem Haus zu gründen, welche in dieser Form tatsächlich revolutionär und wegweisend sein könnte. Um feudal-hierarchische Strukturen zu überwinden braucht man Menschen, die sich mit kollektiver Zusammenarbeit auskennen. Vielleicht genau diejenigen, welche vor der erdrückenden Arbeitsatmosphäre der Stadttheater in die freie Szene geflohen sind. Die nun mit dieser finanziellen Unsicherheit konfrontiert arbeiten müssen. Wer keinen Bock hat, sich vom Intendantenpenis anbrüllen zu lassen, wäre hier genau richtig. Menschen mit Erfahrungen im kollektiven Arbeiten bringen ihre kollektiven Skills ein, um gemeinsam ein Haus zu führen. Das Begehren nach Kollektivität oder kollektiver Leistung ist groß, wie etwa das Theaterhaus Jena, das von dem Kollektiv Wunderbaum geleitet wird, oder die Gessnerallee in Zürich, die ab kommender Spielzeit von einem Leitungsteam geleitet werden. Zusammenschlüsse, wie das Ensemble Netzwerk, die Theater.Frauen, pro Quote Bühne oder die Initiative Solidarität am Theater treiben auf verschiedene Weisen Demokratisierungsprozesse voran.

  1. Was ist ein Kollektiv I?

Aber was ist ein Kollektiv? Ein Kollektiv ist ein Zusammenschluss gleichberechtigter Individuen, welche ihre eigene Organisation immer wieder in Frage stellen. Es fragt sich immer wieder gemeinsam, gleichberechtigt und konsensual, wie es funktionieren möchte. Das Kollektiv ist nicht leicht zu haben. Es kostet Arbeit, Zeit, Mühe. Die Balance zwischen den einzelnen Teilen muss immer wieder aufs Neue austariert werden, Differenzen müssen fruchtbar gemacht werden. Das Kollektiv ist kostbar. Die Aushandlungsprozesse sind kein Selbstzweck, sie bereichern die künstlerische Zusammenarbeit und werden zum bestimmenden ästhetischen Merkmal. Die Theaterkritik scheitert noch immer daran, dieser Ästhetik habhaft zu werden. Was bei Einzel-Regie-Arbeiten meisterhaft genannt wird, das nennt man beim Kollektivwerk dilettantisch, konfus, verworren. Anscheinend wird einem Kollektiv von vornherein unterstellt, gar keine klare ästhetische Linie, keine präzisen künstlerischen Entscheidungen treffen zu können. Kollektive Ästhetik kann disparat, vielstimmig, heterogen, rauh und reich sein. Sie betont gruppenpozesse und verschleiert sie nicht. Es schlägt sich unweigerlich nieder, dass in den Proben so viel miteinander ausgehandelt wird. Und wir träumen schon längst von Kollektiv-Bilderzyklen, von Kollektiv-Roman-Epen und von Kollektiv-Opernquintologien. Ein Kollektiv zu haben ist vielleicht gerade so ein Trend, aber auch eine kleine Revolution, eine Schule, die uns zu anderen Kunstschaffenden macht. Das wird und muss endlich die festen Häuser erreichen.

  1. Was ist ein Kollektiv II?

Das Kollektiv ist etwas fluides. Aber um eins festzuhalten: Unserer Meinung nach ist eine kollektive Theaterleitung, auch eines so großen Hauses wie der Volksbühne möglich und machbar. Dafür scheint leider nach wie vor bei den politischen Verantwortlichen die Phantasie zu fehlen. Wir halten es dennoch für absolut wichtig, weil kollektive Kunsterfahrungen unseren Blick auf Politik und Gesellschaft verändern können. Das Märchen von männlichen Helden, den wir brauchen, hält sich ja nicht nur in der Kunst. Zu unseren Ideen für ein kollektives Haus gehört, dass auch jedes Mitglied unseres Kollektivs ab und zu mal die Toiletten putzt und die Karten abreißt. Denn in unser Vorstellung wird die Arbeitsteilung aufgehoben. Alle Aufgaben des Hauses rotieren unter allen Mitgliedern des Kollektivs. Dieses Hauptkollektiv ist in Unterkollektiven bzw. Banden organisiert. Jede Bande macht eine Produktion pro Jahr. Den Rest des Jahres rotieren alle durch verschiedene andere Arbeitsbereiche, Care Work und Theatertechnik eingeschlossen. Entsprechende Ausbildungen werden in der Pilotphase des Projekts absolviert. Es gibt einmal pro Woche einen Jour Fixe mit Vertreter*innen der Unterkollektive bzw. Banden. Zusätzlich zu den Kernbanden gibt es temporäre Bereichsbanden, wie PR, Dramaturgie, KBB etc.  Spezialisierung für bestimmte Bereiche ist möglich, ein Verweilen jedoch nicht. Die Kernkollektive konzentrieren sich auf ihre künstlerische Zusammenarbeit, auch wenn die Bildung neuer Banden gefördert wird. Alle Arbeiten werden stundenweise mit gleichem Stundensatz entlohnt. Aus der freien Szene kennen wir, dass Spezialisierung sowieso eine geringe Rolle spielt, alle machen und können auch irgendwie alles. Die Hierarchie, welche im Moment zwischen den verschiedenen Jobs am Theater besteht, vom Regieführen zum Karten abreißen, soll also aufgebrochen werden. Und die prekäre Arbeit, die wir in der freien Szene sowieso leisten müssen, um unsere Kunstjobs zu subventionieren, können wir gleich im Theater leisten. Wer einen Zweitjob woanders bevorzugt, um nicht in diesem Theaterbetrieb zu versumpfen, kann das auch machen. Aber worum es geht ist doch, so arbeiten, so Kunst machen zu können, wie man das gerne möchte, die Arbeitsbedingungen zu erschaffen, die man braucht, um sich entfalten zu können, in gleichberechtigter Arbeitsteilung und selbstbestimmten Arbeitszeiten.

  1. Was ist ein Kollektiv III?

Wir haben zwar schon bei den ersten Überlegungen viele Einwände gegen unseren eigenen Vorschlag, aber genau darum geht es beim kollektiven Arbeiten. Es ist hart, es ist scheiße, man öffnet sich und wird verletzt, man muss um den eigenen Platz darin kämpfen, man wird das Kollektiv zerfallen sehen, nur um es dann aus den Trümmern wieder aufzubauen. Denn eine Grundvoraussetzung für dieses Kollektiv ist großes Vertrauen ineinander, Vertrauen in die gegenseitige Bereitschaft, einander Raum zu geben, zuzuhören, im Zweifelsfall selbst zurückzutreten, bereit zur Veränderung zu sein. Das Kollektiv braucht Platz für sich selbst und daher treten Einzel-Egos mehr in den Hintergrund. Und wollen die Menschen, die gerade im Moment dafür angestellt sind, in der Volksbühne an der Garderobe arbeiten, auch Teil unseres Kollektivs sein? Oder müssen wir sie fragen, ob wir Teil IHRES Kollektivs werden können? Oder brauchen wir ein ganz neues Haus? Wir müssen zugeben, hier wieder an eine Grenze zu stoßen. Wir haben keine Antwort auf die Frage, wer das Kollektiv ernennt, wer entscheidet, wer dabei sein darf und wer nicht. Diese Nuss gilt es zu knacken, denn die Ressourcen sind leider endlich. Wir präsentieren hier keine Patentlösungen. Wir haben keine Antwort, aber das heißt nicht, dass wir uns damit zufrieden geben beim Status quo zu verweilen. Der Feudalismus ist eben nicht die Lösung, auch wenn wir den Weg zur Demokratie nicht kennen. Ein kollektiv geführtes Haus ist eventuell nicht so effizient wie ein hierarchisch geführtes, wenn man die Zahl von Aufführungen als Messlatte von Effizienz begreift. Denn mit am wichtigsten ist es, der Arbeit am Kollektiv selbst genug Zeit und Raum zu ermöglichen und uns stets daran zu erinnern, dass die Arbeit am Kollektiv genauso wichtig ist, wie die Arbeit an der Kunst und dass diese Arbeit auch wichtig ist für das künstlerische Produkt. Denn kollektives Arbeiten ermöglicht eine andere Intensität von Aufführungen nicht nur für die Menschen auf der Bühne, sondern auch die im Publikum. Theater ist nie das Produkt von Individuen, sondern stets das Produkt einer Gruppe. Vielmehr noch: Autor*innenschaft ist immer kollektiv, gespeist aus einem gesellschaftlichen diskursiven Umfeld. Wann immer Kunstwerke Einzelpersonen zugeschrieben werden, wird ein kollektiver Prozess verschleiert.

  1. Forderungen

Das Intendantenprinzip hat mehr als ausgedient. Es ist an der Zeit, nicht nur die Betriebsstruktur sondern auch die künstlerische Produktion an großen Häusern offensiv kollektiv zu betreiben und damit auch die Rezeption von Kunst gegen die verbreitete Voreingenommenheit zu verändern. Eine jüngere Generation von Kunstschaffenden, zu denen wir uns hier auch mal zählen, kann das und will das auch. Noch arbeiten sie mit wenig Geld aber dafür frei in der freien Szene, mit all den negativen Konsequenzen. Wir brauchen neue Orte und mehr Geld für die Experimente kollektiver Kunstproduktion. Wir wollen, dass die Ästhetik künstlerischer Gruppenprozess Anerkennung findet, das heißt, einen Paradigmenwechsel in der Rezeption von Theater. Weg vom Regie-Einzelgenie, weg von Machtgefälle und dem strukturellen Rassimus und Sexismus an Theatern. Hier möchten wir auf den Vorschlag der Anti-Rassismus-Klausel von Julia Wissert und Sonja Laaser verweisen. Theater sollen in Zukunft kollektiv geführte diverse offene Orte sein, die daran arbeiten, diesen zerstörerischen Geniekult zu überwinden. Vor allem aber wollen wir ein Modell eines kollektiven Hauses, das stets für Veränderungen offen ist und keine neue starre Struktur etabliert.

Wir wissen, dass der Weg zum Kollektiv oder zur kollektiven Leitung nicht leicht ist, aber es gibt wie gesagt keine guten Gründe beim Status quo zu verharren und den Status quo zu reproduzieren. Vielleicht kann überhaupt Kunst nur und ausschließlich in einem solidarischen Umfeld entstehen. Was das für eine Kunst ist, können wir uns noch nicht vorstellen, wir wollen es aber erleben, beim Kartenabreißen, beim Kinderhüten, beim Kochen, beim Proben, gemeinsam mit dem Publikum auf der Bühne.