Vor dem Gesetz. Frei nach Kafka.

München.
Es ist vollbracht. Wir haben unsere Premiere gespielt. Man könnte meinen, dies sei abzusehen gewesen, denn schließlich hatten wir alles lange im Voraus geplant. Aber wir haben den Kafka-Roman einer Behördenodyssee durchlebt, damit diese Premiere überhaupt stattfinden konnte.
Es war, als wolle der Leviathan, diese Metapher für den monströsen Staat, den wir in unserer Performance herausfordern wollten, uns seine Monstrosität zuvor noch einmal deutlich unter Beweis stellen. Es fängt damit an, dass wir dieses Mal nicht als Kundgebung, sondern als Kunstaktion durch den öffentlichen Raum ziehen wollen. Aber das Münchner Ordnungsamt kennt diesen Fall gar nicht. Dafür gäbe es keine Richtlinie, so erfahren wir, denn Kunst im öffentlichen Raum bewege sich eigentlich nicht. Im Detail bedeute das, eine Lautsprechereinheit auf unserer Tour mitzuführen sei unmöglich. Wir könnten den Gehweg nur nutzen, wie jeder andere Passant und jede andere Passantin auch. Kunst sei natürlich frei, aber eben auch genehmigungspflichtig. Und für das, was wir da vorhaben, wäre mindestens ein Stadtratsbeschluss notwendig gewesen, und der am besten vor zwei Monaten.

Wenn Kunst zur Politik gezwungen wird
Wir strecken die Waffen vor dem permanenten „Da kann man nichts machen“-Schulterzucken der Ordnungsamtbeamten. Das Motto „Eigentlich wollten wir Revolution machen, aber dann fiel uns nur noch Kunst ein“ verkehrt sich ins Gegenteil, wir wollten offiziell Kunst machen, aber nun geht es doch zu der Frau, die für politische Versammlungen zuständig ist. Im Gegensatz zu ihren Kollegen hat sie alles schon gesehen und gehört und vor allem als politische Versammlung durchgehen lassen. Sie reicht uns ein Formular, wir füllen es aus, Anlass der Versammlung: Förderung von Nachwuchskünstler_innen, legen unser Skript bei und haben endlich unsere Anmeldung. Jedenfalls fast.
Von den vier Plätzen, auf denen wir Szenen geplant haben, gehörte einer nämlich zum Europäischen Patentamt. Dort ist aber die zuständige Frau gar nicht da (was genau ihr Aufgabenbereich ist, wofür sie genau zuständig ist, das verraten uns die Sicherheitsleute am Eingang nicht, auch nicht ihre Mailadresse und sowieso, es wird einfach nichts verraten, alles geheim). Ihre Assistentin verspricht aber am Telefon, sich zu melden und tut dies dann auch, mit folgender Botschaft: Aufgrund des Sonderstatus als internationale Organisation sei es uns nicht gestattet, auf ihrem Gelände eine Kundgebung abzuhalten. Dies sei eine endgültige Entscheidung des Vizepräsidenten des Europäischen Patentamtes, nein, der sei für uns ganz bestimmt nicht zu sprechen. Und der genaue Grund, weshalb wir nicht dürfen sei sowieso „geheim“.

Wir, die Polizei und die Personalien unseres Publikums
Am Tag der Premiere erreichen uns noch zwei unerwartete Nachrichten. Eine von uns wollte nämlich, in Absprache mit zwei namenlosen Bauarbeitern, für vier Stunden ein Plakat von uns an einen Bauzaun hängen, um es während der Performance von dort wieder zu entfernen. Was wir und die zwei Bauarbeiter nicht wissen, ein benachbarter Ladenbesitzer aber schon weiß: Das ist verboten und bedarf natürlich der fristgerechten Genehmigung durch das Bauamt in Person des Bauleiters. Samstag natürlich nicht mehr zu erreichen. Der Ladenbesitzer fackelt nicht lang und ruft die Polizei, die schnell zur Stelle ist und die Aktion zu unterbinden weiß. Die Personalien werden aufgenommen, man droht uns mit einer Anzeige.
Und mit Personalien geht es auch weiter. Die Frau vom Amt hat das Skript ausführlich gelesen und dabei bemerkt, dass wir und unser Publikum Masken tragen werden, was sich nicht besonders gut mit dem auf Versammlungen gültigen Vermummungsverbot verträgt. Ihr Vorschlag: Alle, die ihre Maske vor dem Gesicht tragen wollen, müssen vorher ihre Personalien bei der Polizei angeben. Das müssen wir dann natürlich unserem Publikum erklären, dass es von uns auf eine politische Versammlung gelockt wird, obwohl es doch nur Theater sehen wollte. Ab jetzt führt auch die Polizei Regie.

Die Kunst ist frei, aber bitte nicht nackt!
Bei unserem Auszug aus dem Theater überreichen wir dem Einsatzleiter unsere Pässe und Personalausweise stilecht und wortwörtlich auf dem Silbertablett. Und dankenswerterweise übernehmen die Beamten auch noch weitere wichtige Aufgaben, sind Techniker, Inspizienten und Souffleure in einem und notieren gewissenhaft jede performative Abweichung des vorliegenden Skripts. Nur eine kleine sprachliche Unschärfe wird uns zum Verhängnis. Die Regieanweisung in unserem Skript lautet zwar wörtlich „Die Performerinnen entledigen sich ihrer Kostüme“, aber was das im Detail bedeuten könnte, haben sich die Beamten nicht gefragt.
Erneut droht man uns mit einer Anzeige, weil wir uns der Münchner Öffentlichkeit nackt gezeigt haben. Das ginge so nicht, da führen doch die männlichen Autofahrer in die Isar, wenn da so einfach eine nackerte Frau vorbei spaziert. Das sei Verkehrsgefährung! Wir versprechen hoch und heilig, beim nächsten Mal wenigstens die Unterwäsche anzulassen, um Münchner Autofahrer vor einem Bad in der Isar zu bewahren. So ganz scheint man uns aber nicht zu trauen, denn am nächsten Tag stehen an eben der Stelle Polizeibeamt_innen leicht versteckt hinter den Bäumen, um sich im Zweifelsfall auf uns zu stürzen und abzuführen. Außerdem eskortieren uns jeweils zwei Polizist_innen bei unserem halben Striptease, um sicher zu gehen, dass nichts verrutscht.

Mehr Auflagen
Am nächsten Tag wird uns dann mitgeteilt, dass wir davon absehen sollen, explizite Handlungen mit dem Polizeiauto durchzuführen. Und tatsächlich gruppieren sich alle Polizisten liebevoll schützend um ihren Mercedes, um ihn vor unserer sexuellen Belästigung zu bewahren. Außerdem darf unser Publikum ausdrücklich keinen Fuß mehr auf den Grund des Europäischen Patentamtes setzen, weshalb extra ein Polizist die grünen Hügelchen vor uns bewacht und unsere Zuschauenden des Ortes verweist. Immerhin zwei spielende Kinder lässt er gewähren, die im Schein der untergehenden Sonne zu seinen Füßen Gänseblümchen pflücken.

Kolitik und Punst

Politik und Kunst, zwei Begriffe deren Verhältniss im theaterwissenschaftlichen Diskurs gern verhandelt wird, verflechten sich schon in der Vorbereitungsphase und auch während der Aufführungen vor unseren Augen zu ungeahnten Metaebenen. Bei der dritten Aufführung kann man einen Polizisten dabei beobachten, wie er unseren Schlachtruf mitskandiert. Die Ämter und Beamten werden zu Akteur_innen unserer Performance und schaffen neuen Text und Handlungsspielräume. Der Leviathan kommentiert und beeinflusst unmittelbar die künstlerische Arbeit, die sich mit ihm auseinandersetzt und die wiederum auf ihn reagiert.

Wir haben vielleicht die Autorinnenschaft der Erzählung an uns gerissen, aber der Leviathan schreibt trotzdem weiterhin mit, und sei es im Einsatzprotokoll der Polizei.

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