Da, wo ich nun bin, …

… wird getanzt, geliebt und gedacht.

Die ersten Etappen unserer Bayerntour, eine Woche ARENA und ein performativer Kurztrip zum Queer Ass Unicorn Festival, liegen hinter uns. Ich sitze im ICE zurück nach Österreich und lasse meine Gedanken durch die vielen Eindrücke und Erfahrungen der letzten Tage schweifen. Weil ich gerade viel Zeit und viele Worte habe und die Erläuterung der eigenen Arbeit nicht immer außenstehenden Kritiker_innen überlassen will, schreibe ich eine subjektive-introspektive Besprechung:

 

Mit Lieblingsmusik auf den Ohren und dunklen Gläsern vor den Augen haben wir uns gegen die Außenwelt abgeschottet, um uns in Beobachtungen selbiger und unsere eigenen Gedankenwelten zu vertiefen. Da, wo ich nun bin, … war der Anfang jedes Satzes auf den geschätzt 600 roten Postkarten, mit denen wir inflationär und assoziativ das ARENA-Festivalzentrum, Spielorte und den öffentlichen Stadtraum dazwischen kommentiert haben. Unsere Zettel an Straßenlaternen, Toilettentüren, Wänden, Böden, Mülleimern und so manchem Rücken imaginieren einen utopischen Ort, der, obwohl nicht im Hier und Jetzt, doch auf verschiedenste Weisen auf das Hier und Jetzt Bezug nimmt.

Einmal sind die Posts konkret politisch, manchmal theoretisch oder meta-theoretisch, gerne auch emotional und alles in allem oft auch widersprüchlich. In unserem roten Kommentar-Kosmos finden die individuellen Ansichten von Fünf Performist_Innen einen Ort, einen Raum und viel Nachhall. Manche Kommentare lösen ein strahlendes Lächeln aus und werden heimlich eingesteckt, andere ärgern und werden von Passant_Innen zerrissen, manche treffen ins Schwarze und werden binnen weniger Minuten vom Wachpersonal entfernt. Viele hängen noch immer in Erlangens Straßen und werden wohl bald der Straßenreinigung zum Opfer fallen.

Mir persönlich sind alle Reaktionen recht, schließlich haben wir auf jeden Zettel unsere Webadresse gestempelt. Denn obwohl wir im Rahmen der Hysteriezone den Versuch unternehmen uns „aus dem System zurückzuziehen“, haben wir schamlos Eigenwerbung im großen Stil betrieben. So viele „Visitenkarten“, wie in fünf Stunden Hysteriezone, hätten wir bei keinem Netzwerktreffen der freien Szene verteilen können.

So weit hatten wir die Hysteriezone ja bereits in Berlin und Wien erarbeitet und erprobt. Das Projekt haben wir dabei oft auch als Akt der Vereinzelung und melancholische Traumwandelei empfunden. Also sind wir bei ARENA dem Bedürfnis gefolgt, gemeinschaftliche Elemente einzubauen und den utopisch-optimistischen Aspekt der Hysteriezone zu stärken, um einer performativen Kollektivdepression präventiv etwas entgegenzusetzen. Da, wo wir tanzen, …

ist dieser utopische Ort voll Friede, Freude und Eierkuchen immer ein bisschen näher. Oder blitzt zumindest für einen Moment durch die graue Alltagsrealität. Und wo tanzt es sich besser als unter freiem Himmel?
Aus diesen Überlegungen heraus haben wir unsere Tanzfläche mit weißem Tape im öffentlichen Straßenraum abgeklebt, ordentlich als Hysteriezone beschriftet und sind mit gutem Beispiel vorangetanzt. Wieder Kopfhörer auf, Lieblingsmusik abspielen, aber diesmal tanzen statt schreiben. Öffentlich, sichtbar, einladend, zusammen und doch jede in ihrem eigenen Musikmikrokosmos, haben wir von außen betrachtet das skurrile Bild einer Silentdisko geliefert. Der erste Versuch am helllichten Tag war auf 15 Minuten und uns fünf Hysteriker_Innen beschränkt. Der zweite Versuch am selben Abend, im Schutze der Dunkelheit auf dem Hugenottenplatz, hat schon die ersten Mittänzer_Innen angelockt und bauliche Erweiterungen der Zone erfordert. Der dritte Versuch schließlich, direkt im Anschluss an unser Publikumsgespräch, kann durchaus als gelungene Gegenveranstaltung zum parallel stattfindenden Schlossgartenfest bezeichnet werden. Dreißig Personen tanzten auf dem polizeilich bewachten Schlossplatz, teilten sich Kopfhörer, tauschten mp3-Player, tanzten teilweise einfach ohne Musik und eröffneten einen bemerkenswerten Raum. Passant_Innen haben sich spontan der hysterischen Tanzzone angeschlossen, Gespräche um und über die Zone angestoßen und auf faszinierend vielfältige Weise auf die weiße Gaffagrenze des Ausnahmezustands reagiert. Ich wage zu behaupten, dass die Beteiligten der Hysteriezone in diesen 40 Minuten mehr Freude, Freiheit und Lebenslust verspürten und versprühten, als alle Roben- und Anzuträger_Innen jenseits der Schlossmauer während ihrer mehrstündigen, teuren Tortur aus Buffet, Orchester und höflichem Grinsen.

 

Da, wo ich liebe, … war der Intro-Satz für unsere Inti*mzone am nächsten Tag im Nürnberger Kulturzentrum K4, die strukturell aus der Hysteriezone geboren wurde. Wieder rote Zettel, auf den Boden geklebte Intimz*onen für Gespräche, intime Tanzzonen und ein großes Nest für praktische Kuscheleinheiten und theoretische Berührung durch Vorlesesessions. Eine poetische-performative, improvisierte und fragmentarische Auseinandersetzung mit Körper, Geschlecht und Sexualität sowie deren Gesetzen, Grenzen und staatlichen Regularien. Da wir primär auf dem Gelände des Queerfestivals unterwegs waren und mit dessen Teilnehmer*Innen auf einer mentalen Welle schwingen, gab’s wenig Platz für Reibung. Mit einem leichten bis heftigen (kommt drauf an wen man da fragt 😉 Kater waren wir allerdings alle ganz froh uns nicht streiten zu müssen, sondern intime*zonen und Gesprächsmomente in Ruhe auszukosten.

An dieser Stelle ein ganz dickes Danke an Markus, Sascha und Lilian, die uns spontan performistisch unterstützt haben und sich mit uns halbnackt, in hysterischen Feinripphöschen und wilden seventies Klamotten in der In*timzone geräkelt haben.

 

 

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